Die Bossa Nova als definierte musikalische Bewegung entstand in den späteren fünfziger Jahren. Junge brasilianische Musiker, die in der Südzone von Rio de Janeiro wohnten, inte-ressierten sich mehr für Jazz als für die brasilianische Musik jener Zeit, die für sie antiquiert klang. Und in der Tat die brasilianischen Lieder wurden auf eine sehr künstlische Art gesun-gen, mit gestützter Stimme, so als wären sie Opernarien. Die Texte waren auch sozusagen archaisch, die Worte waren nicht die gleichen, die die normalen Bürger, vor allem die jungen, in ihrer Alltagssprache verwendeten. Diese jungen Musiker spielten in den Bars und Nacht-klubs von Rio de Janeiro. Obwohl sie Jazzfans waren, komponierten und spielten sie im We-sentlichen brasilianische Musik, nur dass sie bewusst oder unbewusst erlaubten, dass immer mehr Elemente des Jazz in ihre Arbeit flossen, so dass ihre Musik anders klang als die, die die Mehrheit der Menschen zu hören gewohnt war. Häufig versammelten sie sich auch im Privaten, um Musik zu machen oder lediglich um die letzte Jazzplatte zu hören, die einer von ihnen eventuell gekauft hatte. Sie wussten, dass sie dabei waren, irgendeine neue Art von brasilianischer Musik zu erschaffen aber sie hatten noch keinen homogenen Musikstil, der eine eigene Musikbewegung bildete.

In jenen Jahren ging ein junger Mann namens João Gilberto aus dem Bundesstaat Bahia nach Rio de Janeiro, um dort eine musikalische Karriere zu versuchen. Rio de Janeiro war damals die Hauptstadt Brasiliens und deshalb das Zentrum der künstlerischen Aktivität des Landes. Einige Jahre lang spielte er ohne Erfolg da und dort, und verdiente nicht einmal genug, um die Miete einer Wohnung zu bezahlen, und wohnte deshalb als Gast bei anderen Musikern oder deren Freunden. Verzweifelt verliess João Gilberto Rio de Janeiro einige Male für mehrere Monate. Bekannt für seine exzentrische Art sperrte er sich manchmal im Schlaf- oder Badezimmer ein und spielte auf der Gitarre stundenlang ein und denselben Akkord, besessen von der Idee, eine neue Art zu finden, das Instrument zu spielen. Und er fand sie. Nicht nur eine neue Art zu spielen sondern auch zu singen. Wenn die brasilianischen Sänger bis dahin mit einer Opernstimme sangen, so begann João Gilberto, leise zu singen, in einer sanften und samtigen Art, ohne Vibrato. Er kehrte nach Rio zurück und zeigte den anderen Musikern seine neue Art zu spielen und zu singen. Einer der Musiker, die beeindruckt waren, war Antonio Carlos Jobim, besser bekannt als Tom Jobim. Im Jahr 1958 nahm die Sängerin Elizete Cardoso eine Platte auf mit dem Titel “Canção do Amor Demais”, auschliesslich mit Liedern von Tom Jobim und Vinicius de Moraes. Auf dieser Platte begleitete João Gilberto auf der Gitarre Elizete in zwei Titeln: “Chega de Saudade” und “Outra Vez”. Diese war die erste Aufnahme, die João Gilbertos neue Art Gitarre zu spielen festhielt. Drei Monate später nahm João Gilberto seine eigene Platte auf, singend und spielend, mit einem Lied von ihm selbst, “Bim-Bom”, und einem anderen von Tom Jobim und Vinicius de Moraes, “Chega de Saudade”. Die Bossa Nova war offiziell geboren.

Die Jugend begrüsste den neuen Musikstil, der schliesslich in Mode kam. Fast alle jungen Musiker übernahmen die andersartige musikalische Form, die João Gilberto entwickelt hatte. Die Radiostationen fingen an, Bossa Nova zu spielen und mehr und mehr Platten wurden aufgenommen, nicht nur mit gesungener sondern auch mit Instrumentalmusik. Amerikani-sche und europäische Musiker, die sich in Brasilien aufhielten, nahmen von der Bossa Nova Kenntnis und nahmen die Neuigkeit in ihre Länder mit. Im Jahr 1962 traten brasilianische Musiker in der Carnegie Hall von New York auf, in einem Konzert namens “Bossa Nova (New Brazilian Jazz)”. Dieses Konzert machte die Bossa Nova international populär. An ihm nahmen die grossen Vertreter dieser neuen Musikbewegung teil wie Tom Jobim, João Gilber-to, Carlos Lyra, Roberto Menescal und Luiz Bonfá, unter vielen anderen. Im Publikum sassen berühmte Musiker wie Miles Davis, Tony Bennett, Peggy Lee, Herbie Mann und andere. Das Konzert wurde live an diverse Radiostationen in Amerika und Europa übertragen. Als direkte Konsequenz dessen erhielt die Mehrheit dieser brasilianischen Musiker Einladungen, in A-merika aufzutreten oder aufzunehmen. Zwei Wochen nach New York trat die Crème de la Crème der Bossa-Nova-Musiker in einem anderen Konzert auf, diesmal im George Washing-ton Auditorium, nach dem sie im White House von Jacqueline Kennedy empfangen wurden.

Von da an eroberte die Bossa Nova die ganze Welt. Das Lied “Garota de Ipanema” (“The Girl from Ipanema” auf englisch), von Tom Jobim und Vinicius de Moraes, zum Beispiel, ist eines der weltweit meistaufgeführten und meistaufgenommenen Lieder aller Zeiten.

Paulo Bitencourt | Bossa Nova Music

Paulo Bitencourt | Bossa Nova Music